Dr. Christian Fünfgeld im Gespräch über Zystozelen-Korrekturen

Wie verbreitet sind Zystozelendefekte in Deutschland?

Rund 40 Prozent aller Frauen, die Kinder geboren haben, leiden an einem Deszensus (Senkung) des Uterus bzw. der Blase oder Vagina. 11 Prozent der betroffenen Frauen müssen sich einer Deszensuskorrektur unterziehen. Bei wiederum 30 Prozent dieser Betroffenen kommt es zu einem Rezidivdeszensus.

Mit welcher Symptomatik haben betroffene Frauen zu kämpfen? Wie hoch ist der Leidensdruck?

Viele Patientinnen klagen über ein Prolapsgefühl. Oft treten Blasenfunktionsstörungen mit Blasenentleerungs- und mit Harninkontinenz auf. Auch Defäkationsprobleme sind möglich. Zur Miktion oder Defäkation muss bei einigen Patientinnen der Deszensus reponiert werden.

Zur Behandlung der Zystozele gibt es verschiedene Therapie-Optionen. Welche Patientinnen profitieren konkret von Netzimplantaten?

Soweit möglich sollte man die Beschwerden mit konservativen Therapien wie Beckenbodentraining oder dem Einsatz eines Pessars zu lindern versuchen. Bringen diese Methoden keine Besserung oder sind die Befunde zu ausgeprägt, kann der Deszensus chirurgisch saniert werden. 

Bei einer Senkungsoperation gibt es unterschiedliche Zugangswege: Traditionell wählt man den vaginalen Zugang. Der Deszensus kann in geeigneten Fällen auch abdominal oder laparoskopisch operiert werden. Eine Hysterektomie, die früher routinemäßig dabei durchgeführt wurde, ist heute in den meisten Fällen nicht mehr erforderlich. 

Wenn möglich, nutzt man zur Stabilisierung das eigene Bindegewebe der Patientin. In ausgeprägten Fällen, in der Rezidivsituation oder wenn maximale Stabilität gewünscht ist, kann durch die Implantation eines Kunststoffnetzes ein gutes Ergebnis erzielt werden.

Sie setzen bei der Zystozelen-Korrektur das Netzimplantat TiLOOP® Total 6 der pfm medical ag ein. Wie differenzieren sich solche neuen Netze von Netzen der ersten Generation?

Zu Beginn waren die Operationstechniken für den Einsatz von alloplastischen Materialien noch nicht ausgereift und die Produkte selbst recht schwergewichtig. Die modernen Materialien sind sehr leicht, makroporös und werden durch optimierte OP-Techniken besser fixiert. So konnten unerwünschte Ereignisse wie zum Beispiel Erosionen durch die Vagina, Schmerzen oder Dyspareunie deutlich reduziert werden.

Was ist das Besondere am TiLOOP® Total 6 Implantat und der angewendeten OP-Methode?

Das TiLOOP®-Netz wird mit sechs Bändern an individuell justierbaren Punkten fixiert. Durch die apikale und laterale Fixierung erzielt man eine sehr gute Stabilität. Die ursprünglich hydrophobe Oberfläche des Polypropylennetzes wird durch Titanoxid hydrophil, was wiederum die Einsprossung der Fibroblasten erleichtert.

Gibt es Studien, die den Nutzen von TiLOOP® Total 6 belegen?

Für TiLOOP® Total 6 liegt nun eine Studie mit 289 Patientinnen über eine Laufzeit von drei Jahren vor.  Die Beobachtung über 36 Monate zeigt eine sehr gute Langzeitstabilität von TiLOOP® Total 6 bei einer sehr geringen Rezidivrate sowie eine hochsignifikante Verbesserung der Lebensqualität. Wir Operateure begrüßen die Studie sehr, denn für viele Materialien und OP-Techniken liegen keine Daten vor, um die Risikosituation und Vorteile für Patienten profund bewerten zu können.

Welche Relevanz haben die Studiendaten im Hinblick auf die kontroverse Diskussion um Netzimplantate der ersten Generation?

Zu Beginn wurden die alloplastischen Netze der ersten Generation vor allem in den USA in großer Stückzahl durch unkritische Indikationsstellung und ohne ausreichendes Training eingesetzt. Das führte zu erheblichen Komplikationen. Dank optimierter OP-Techniken, weiterentwickelter Materialien und einer differenzierten Indikationsstellung erzielt man mit der hier angewandten Methode heutzutage gute anatomische und funktionelle Ergebnisse mit deutlich geringerer Rate an Komplikationen. Damit können wir die Lebensqualität der Patientinnen klar verbessern. Die modernen Implantate haben sich besonders in Rezidivsituationen bewährt.

Was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Prolaps-Korrektur mit Netzimplantaten?

Vor jeder Deszensusoperation (Senkungsoperation) sollte eine eingehende urogynäkologische Untersuchung für eine differenzierte Indikationsstellung erfolgen. Denn Deszensus ist nicht gleich Deszensus! Für jede Patientin muss individuell ein geeignetes Operationsverfahren und der entsprechende operative Zugangsweg gewählt werden. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle: Vom Ausmaß der Senkung und den Symptomen, über die betroffenen Kompartimente, das Alter der Patientin, die erforderliche Stabilität bis hin zu eventuell erfolgten Voroperationen. Angesichts der zahlreichen Möglichkeiten und gestiegenen Ansprüchen an das chirurgische Ergebnis verlangt dies eine hohe Expertise des Operateurs. Eine Deszensuskorrektur mit alloplastischen Implantaten sollte daher nur von geschulten urogynäkologisch-spezialisierten Ärzten vorgenommen werden.

(Dezember 2016)

Unser Gesprächspartner

Dr. Christian Fünfgeld ist Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe an der Klinik Tettnang. Er leitet darüber hinaus das interdisziplinäre Kontinenz- und Beckenbodenzentrum der Klinik.