Wenn Beckenbodentraining und Co. versagen: Netzimplantate als Therapie der Blasensenkung

Wie verbreitet sind Blasensenkungen bei Frauen in Deutschland?

Wir verzeichnen bei rund 40 Prozent aller Frauen, die ein Kind geboren haben, eine Senkung. Es können die vordere Scheide mit Blase, die Gebärmutter oder die hintere Scheide mit Enddarm gesenkt sein. Viele Betroffene haben dabei nur geringe Beschwerden. Jede neunte Frau allerdings muss im Laufe ihres Lebens wegen Beeinträchtigungen durch die Senkung operiert werden.

Mit welchen Beschwerden haben betroffene Frauen zu kämpfen? Wie hoch ist der Leidensdruck?

Viele Betroffene klagen über ein Senkungsgefühl, bei dem sich die Scheide oder die Gebärmutter so weit absenkt, dass sie im Scheideneingang sichtbar wird. Häufige Symptome sind auch Blasenfunktionsstörungen mit Harninkontinenz („Blasenschwäche“) oder eine erschwerte Entleerung der Harnblase. Einige Frauen sind hierdurch nur wenig beeinträchtigt, während andere Patientinnen über eine massive Einschränkung ihrer Lebensqualität klagen.

Zur Behandlung einer Blasensenkung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Welche Patientinnen profitieren konkret von Netzimplantaten?

Je nach Ausprägung der Senkung und Schwere der Beeinträchtigung versucht man eine Operation zunächst zu vermeiden, zum Beispiel durch Beckenbodentraining oder die Einlage eines Pessars, also eines Hilfsmittels, das in die Scheide eingeführt wird. Sollten die Beschwerden jedoch weiter bestehen, ist in vielen Fällen eine Operation sinnvoll, um die korrekte Lage der Scheide, der Blase und des Enddarms wiederherzustellen. Sofern möglich, nutzt man hierzu das eigene Bindegewebe der Patientin zur Stabilisierung. In sehr ausgeprägten Fällen oder bei einer erneuten Senkung nach erfolgter Operation, kann zur Stabilisierung ein leichtes, gut verträgliches Kunststoffnetz eingesetzt werden.

Sie setzen bei Blasensenkungen, die operativ behandelt werden, das Netzimplantat TiLOOP® Total 6 ein. Wie unterscheiden sich solche modernen Netze von älteren Netzen, die immer wieder in der Kritik stehen?

Die heute verwendeten Netze sind sehr leicht und verfügen über eine optimierte Gewebestruktur. Durch die Weiterentwicklung der Materialien und der OP-Techniken konnten unerwünschte Nebenwirkungen und Risiken reduziert werden.

Die Oberfläche des Kunststofffadens aus dem das Implantat hergestellt ist, wurde beim TiLOOP®-Netz mit Titanoxid, einer chemischen Verbindung aus Titan und Sauerstoff, veredelt. Dadurch kann das Netz aus meiner Sicht optimal ins Gewebe einwachsen und vom Körper nicht als Fremdkörper empfunden werden. 

Was ist das Besondere an dem TiLOOP® Total 6 Implantat und der angewendeten OP-Methode?

Bei der Korrektur einer Blasensenkung gibt es unterschiedliche Befestigungsmöglichkeiten des Netzimplantats und damit unterschiedliche Operations-Methoden, um das Implantat zu stabilisieren. TiLOOP® Total 6 besitzt sechs „Netzarme“, die der Chirurg im Gewebe befestigt. Durch diese stabile Fixierung des Implantats soll eine längere Haltbarkeit erzielt werden, um zu verhindern, dass sich Organe wie die Blase erneut stark absenken.

Gibt es Untersuchungen, die den Nutzen von TiLOOP® Total 6 belegen?

Für das Netzimplantat TiLOOP® Total 6 liegt nun eine große wissenschaftliche Untersuchung  mit langer Beobachtungszeit bei 289 Patientinnen, bei denen das Implantat eingesetzt wurde, vor. Diese Patientinnen wurden noch drei Jahre nach der Operation  kontinuierlich beobachtet. Es wurde eine  sehr gute Stabilität bestätigt und es kam nur bei einem sehr geringen Anteil der Patientinnen zu einer  erneuten Senkung. Für die Betroffenen bedeutete dies eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität. Wir begrüßen die Studie sehr. Grundsätzlich sollte für  jede neue Operationstechnik und jedes neue Implantat nachgewiesen werden, dass sie Vorteile für die Patientinnen und Patienten mit sich bringen, und dass die unerwünschten Folgen möglichst minimal sind.

Unser Gesprächspartner

Dr. Christian Fünfgeld ist Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe an der Klinik Tettnang. Er leitet darüber hinaus das interdisziplinäre Kontinenz- und Beckenbodenzentrum der Klinik.